Der Rückers in Laisa


RÜCKERS

Ein uralter, alle sieben Jahre wiederkehrender
Frühlingsbrauch in Laisa

Wer in den Frühlingstagen der Jahre 1933, 1950, 1957, 1964, 1971, 1978, 1985, 1992 und 1999 das Dörfchen Laisa, im Landkreis Waldeck-Frankenberg, besuchte, konnte ein eigentümliches Schnitzwerk auf den Dächern der Gastwirtschaften Bornmann und Becker bzw. auf dem Dach des Gemeindehauses sehen. Jeder Fremde schaute neugierig hinauf, wurde ihm doch gesagt, daß am 2. und 3. Ostertage im Angesichte dieses geschnitzten Bildwerkes ein Fest stattfinde, das die Bevölkerung von Laisa nach althergebrachter Weise alle sieben Jahre feiere.

Jeweils am 2. Ostertage bewegte sich ein Festzug durch das schmucke, saubere Dörfchen, das auf eine mehr als tausendjährige bewegte Vergangenheit zurückblicken kann. In diesem Zuge zeigten die Laisaer in ihrer bunten malerischen Tracht allen Anwesenden - nach Zeitungsberichten waren es immer so viele, daß in Laisa buchstäblich keine Stecknadel mehr zu Boden fallen konnte - ein Stück hessischer Volkskunst und verschiedene im Dorf erhaltene Bräuche. Die Wirren des letzten Krieges und die trostlosen Verhältnisse der ersten Nachkriegsjahre machten die Durchführung eines solchen Festes in den Jahren 1940 und auch 1947 unmöglich.

Ich habe nun den Leser lange genug auf die Folter gespannt. Jetzt soll er erfahren, um was es sich handelt.

Dieses Fest heißt das ,Rückers'-Fest, und das Bildwerk auf dem Dache ist der ,Rückers'. Was hat dieses Wort zu sagen, und was hat der merkwürdige Brauch, unter diesem Bildwerk ein großes Fest zu feiern, zu bedeuten?

Zunächst eine Beschreibung des ,Rückers'. Er ist eine zweieinhalb Meter lange, aus Holz geschnitzte Gespannfigur. Ein pflügender Bauersmann mit der Pfeife im Munde, einen altertümlichen weißen Kittel tragend, legt seine Hand an einen mit fünf Pferden bespannten Pflug. Zwei Rappen, davor zwei Füchse und vorn an der Spitze einen sich aufbäumenden Schimmel erblickt der Beschauer. Auf dem Handpferd der Füchse reitet der Knecht des Bauern. Er trägt einen blauen Kittel mit umgehängtem Brotbeutel. Seinen Kopf ziert eine Zipfelmütze, während der Bauer zur Heraushebung seines Standes einen runden, schwarzen Hut trägt.

Und nun zum ,Rückers'-Fest. Die Deutung des Wortes ist schwierig. Eine volkstümliche, sprachwissenschaftlich jedoch bestrittene Erklärung läßt es aus "Rückkehrs-Fest" entstanden sein, denn sicher handelt es sich um einen uralten Frühlingsbrauch, um das Fest der Rückkehr der mütterlichen Göttin. Der Pflug war das Symbol der Erdenmutter, Frau Holle. Ihr zu Ehren veranstaltete man feierliche Umzüge mit einem Pflug durch das Dorf und die ganze Gemarkung und brachte ihr dieses Ackergerät als Weihegeschenk dar.

Die zurückkehrende Gottheit sollte nämlich dem Lande in den ersten Frühlingstagen die Fruchtbarkeit und eine neue Segens- (Ernte-) Zeit wiederbringen. In Laisa wird nun alle sieben Jahre auf dem Dachfirst eines Hauses dieses Bildwerk aufgestellt; es mußte als Symbol der Acker und Flur segnenden Gottheit daselbst 40 Tage während der ganzen Bestellungszeit ausharren und so nach den unfruchtbaren Wintertagen den Segen für Dorf und Feld vom Himmel herabflehen.

Zur Ausdeutung des Fünfergespannes wird angenommen, daß der Schimmel dem Göttervater Wodan, die Füchse dem blitzschleudernden Donnergott und die Rappen der Erdenmutter Freya, Frau Holle, geweiht waren.

Die bei Beginn dieses Festes stattfindende "Versteigerung" aller heiratsfähigen Mädchen ist wohl als "Strafe" für die Ehelosigkeit aufzufassen. Deswegen sollen früher bei den feierlichen Umzügen sogar die unverheirateten Mädchen vor den Pflug der Göttin gespannt worden sein. Sie galt auch als Förderin der Ehe; hierauf geht die "Versteigerung" der Mädchen zurück, da die mütterliche Göttin keine Unverbundenen an dem Feste teilnehmen lassen will. Nebenbei sei nur vermerkt, daß sich hieraus oft ein Bund fürs ganze Leben ergeben hat. Man wird im Dorf Bestätigungen hierfür finden.

Eine christliche Umdeutung bringt das Rückersfest mit den Tagheiligen des 10. März, den vierzig Rittern, in Verbindung. Nach der Legende sollen an diesem Tag vierzig christliche, römische Soldaten den grausamen Märtyrertod durch Erfrieren erlitten haben. Sie sind die Heiligen, die gegen die Frühjahrsfröste helfen sollen.

Eine dritte, nachträgliche Deutung sei hier noch am Rande erwähnt. In den Spinnstuben hat man sich früher die gruselige Geschichte erzählt: Ein Bauer soll einmal mit seinem Gespann und seinem Sohn auf dem Felde beim Pflügen erfroren sein. Ein frommer Mann habe zu seinem Gedächtnis dieses Standbild geschnitzt und dem Dorf mit der Bestimmung geschenkt, es sei alle sieben Jahre - weil sieben Lebewesen umgekommen seien - öffentlich zu zeigen.

Sehr wahrscheinlich ist aber das Laisaer Rückersfest auf einen Brauch aus heidnischer Vorzeit zurückzuführen, der bis in unsere christliche Zeit weiter gepflegt worden ist.

Es hat alle zeitlichen Nöte überstanden, und wir als Nachfahren wollen in eifrigem Bemühen dazu beitragen, die letzten lebendigen Spuren unserer Vorväter für spätere Geschlechter zu erhalten, damit nicht der Satz Wahrheit werden kann, der einmal ausgesprochen wurde: - "So hat sich ein Stück Romantik aus der Vergangenheit hier erhalten, wie lange noch, dann wird auch dieser Brauch zum alten Gerümpel geworfen werden!"

In der Nacht vom 9. zum 10. März nimmt der Rückers seinen Anfang, so wie alle heidnischen Feste abends beginnen. Um die zwölfte Stunde beginnt die Mädchenversteigerung, deren Ergebnis erst beim Beginn des eigentlichen Festes am 2. Ostertag bekanntgegeben wird. Von Jung und Alt mit Spannung erwartet, schließt sich der Tanz an. Die Kosten hierfür werden zum Teil durch die Einnahmen, die hier aus der Versteigerung erzielt wurden, bestritten. Die Mädchen liefern zum Schmaus Eier und Speck.

Nach der Versteigerung wird der Rückers auf dem Dachfirst - früher wurde alle sieben Jahre ein anderes Haus gewählt - des Gemeindehauses (das jetzige Heimatmuseum) angebracht. Die Befestigung erfolgt sehr sorgfältig, denn in den vergangenen Jahren ist der ,Rückers' mehrere Male gestohlen worden. Es mußte sogar einmal der Bezirksrichter von Battenberg zu Hilfe gerufen werden, damit von den Eifaer Burschen der geraubte ,Rückers' seinen rechtmäßigen Besitzern wieder zurückgegeben wurde.

Wie seit uralten Zeiten so ziert in den Frühlingstagen des Jahres 1999 das Fünfergespann vor dem Pflug den Dachfirst des Gemeindehauses in der Mitte des Dorfes. Zum 8. Male nach dem letzten Weltkrieg feiert Laisa im Hessenlande, das nach dem großen Brande im Jahre 1868 - es wurde damals fast völlig zerstört - besonders schön angelegt wurde, und mit ihm die Bevölkerung des Hinterlandes und des Kreises Waldeck-Frankenberg sein ,Rückers'-Fest. Möge in aller Zukunft der Rhythmus der siebenjährigen Wiederkehr des alten Volksfestes nicht mehr wie schon manches Mal durch Kriege und Notzeiten gestört werden.

(Verfasser Ernst Ebel, 1950 Hauptlehrer in Laisa, geb. 1918; ergänzt von H.-G. Schneider, 1999, Lehrer, geb. 1951, Laisa)

Anmerkung:
Seit der 1200 Jahrfeier in 1978, die gemeinsam mit dem ,Rückers' ausnahmsweise an Pfingsten gefeiert wurde, findet der ,Rückers' immer am 1. und 2. Ostertag statt, da der 3. Ostertag für die Bewohner ein normaler Arbeitstag geworden ist.